Die Darstellung der "Sieben Fußfälle"

in St. Nikolaus

Die Kirche St.Nikolaus war früher von einem Kirchhof umgeben. Durch den Neubau der Schule im 19.Jh. (an der Stelle des heutigen Pfarrheims) blieben nur die Ost- und Westteile der Kirchhofmauer erhalten und somit sieben der vierzehn Kreuzwegnischen. Das führte in der Pfarrei zu der Idee, die inzwischen leeren Nischen mit Stationsbildern des „Ur-Kreuzwegs“ bzw. der „Sieben Fußfälle“ zu belegen.

Die Gebetsform der Sieben Fußfälle wurde von Jerusalempilgern im späten Mittelalter ins Rheinland mitgebracht. Der Gang der Sieben Fußfälle stellte einen Bittgang durch Dorfstraßen oder Flur dar, wobei an sieben Wegekreuzen jeweils einer Station des Leidensweges Christi betend gedacht wurde. An den einzelnen Stationen ließ man sich mit beiden Knien gleichzeitig zu Boden fallen. - Die sieben Stationen sind aber auch mit den sieben Hauptkirchen in Rom zu verbinden, in denen in der Karwoche der päpstliche Stationsgottesdienst gefeiert wird. - Nach dem Mittelalter - seit etwa 1600 - erweiterte man den Kreuzweg auf 14 Stationen, seit Anfang des 20.Jh.s fügt man öfter auch die Auferstehung als 15.Station hinzu. Vor allem als Sterbebrauch blieb der Gang der Sieben Fußfälle bis ins 20.Jh. erhalten. Hierbei beteten am Abend vor dem Begräbnis sieben junge Frauen aus der Nachbarschaft für das ewige Heil des im Sterbehaus Aufgebahrten. Dennoch waren die Sieben Fußfälle nicht nur ein Totengebet, sondern auch an den Freitagen der Fastenzeit ein gängiger Brauch.Die Darstellung des Leidensweges Christi ist hier nur auf die Hände beschränkt, weil in den Händen Denken und Handeln „zusammenlaufen“ und sich somit darin die ganze Person spiegelt, ohne die Physiognomie Jesu Christi einseitig festzulegen. Schauen wir beim Kreuzweg nur auf die Hände, so kann man also sagen: Hände sprechen vom Kreuzweg Jesu Christi.

 

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Hände sprechen vom Kreuzweg Jesu Christ

Hände hat jeder, auch Christus. Aber die Gestalt eines jeden ist unterschiedlich: klein, groß, kräftig, zart, in unterschiedlicher Hautfarbe u.v.m. So kann man es auch an all den verschiedenen Kreuzwegdarstellungen beobachten. Aber die Hand-lungen sind gleich. Weil der Kreuzweg von Handlung bestimmt ist und Stationen des Hand-elns zeigt, so steht die Hand als Organ des Hand-elns im Vordergrund und birgt in sich die Aussage über das An-nehmen und Ab-Geben, über das Tragen und Ertragen.
Die Hand als Hand im Unterschied zu Arm, Kopf und Fuß, das kennt jeder.

Das ist der erste Grad der Formwahrnehmung.[2] Die Teilung des Handtellers in die fünf Finger: vier setzen in etwa gleicher Höhe an und der Daumen etwa halb so hoch. Die vier Finger bilden drei Glieder, der Daumen verbirgt das kräftige Unterste im Handteller. Er ist anders als die anderen und gehört doch zu ihnen. Sie sind anders als der eine und arbeiten mit ihm zusammen. Alle bilden die Mulde des Handtellers und das Dach des Handrückens. Im begrenzten Bewegungsraum spielen sie mit höchster Genauigkeit zusammen: Greifen und »Handeln«. Überall gibt die Haut schmerzlos nach, auch an den sensiblen Fingerkuppen.
Haut und Nägel, die Hautlinien mit ihren Bedeutungen, schlanke Finger, zarte, plumpe, starke etc.: sie können greifen und halten, schlagen und streicheln, und gehorchen sofort: dem Arm und Rumpf und Kopf. Sie haben lebenslange
Erfahrung und teilen alles, was sie erfahren, unverzüglich dem Kopf mit.
Immer bleibt sich die Form gleich, wiederholt aber keine Bewegung genau gleich. Die Hand dient dem Leben des ganzen Menschen und ist selbstlos sie selber. Das ist der zweite Grad der Formwahrnehmung.
Die Hand ist über Handgelenk und Arm, Schulter und Rumpf mit dem Körper verbunden; verbunden mit dem Blutkreislauf (die Adern auf dem Handrücken), verbunden mit den Empfindungen der Sinne, verbunden mit dem Willen. Wir sehen sie fast immer in Bewegung, nur im Tod erstarrt sie. Wir sehen an ihr Bewegung und nicht nur »Hand«.
Dann sehen wir, wie die Hand sich auf Objekte bezieht: sie greift nach der Kartoffel und entspricht ihr und gehorcht zugleich dem Willen der Person unverzüglich. Sie kennt die meisten Objekte, bevor sie sie erreicht.
Sie greift ein Ei anders als ein Buch; sie streichelt ein Gesicht anders als eine Katze – sie ist befreundet mit den Dingen und weiß, was sie wollen. Daher lernt sie so rasch.
Die Hand, die handelt, spürt Lust und Unlust, Freude und Schmerz: an sich und an den Dingen. Das ist zu sehen, und das prägt ihren Ausdruck. Schon Kinderhände können viel, auch wenn sie noch nicht gearbeitet haben, und die Hände von alten Menschen können reich sein an Wissen und Schmerz und Freundschaft, auch wenn sie nicht mehr arbeiten. Die Verbindung zwischen Hand und Welt zu sehen, ist die Formwahrnehmung dritten Grades.
Die Hand gehorcht dem übergeordneten Willen der Person, aber sie hat auch Eigenwillen; der will gehorchen. Bei Kranken kann er sich selbständig machen.
Sie tut, was sie kann, wenn der Wille sie antreibt; und sie tut es, so gut sie kann. Das ist zu sehen, wenn man Handwerkern zuschaut.
Der Wille kann irren; auch die Hand kann irren, aber sie irrt seltener.
Wem gehorcht der Wille? Bei einigen Menschen dem Geist, das ist an den Händen zu sehen.
Die Hand, die ruht, oder die Hand, die handelt, die Hand, die tötet oder verbannt wird – bleibt stets Hand, nicht Fuß oder Kopf, und bereit, auf diese Weise zu vergehen.
Ist sie sich nicht bewusst, ’Hand‘ zu sein? Sie lebt ihr Wissen, Hand- und Handlungswissen. Wenn sie vergeht, geht ihr Wissen, das in den Zellen gespeichert ist, in andere Wesen über. Jedes Glied schmeckt anders, nicht nur aufgrund der physischen Verschiedenheit, auch aufgrund der gespeicherten Information. Diese verschwindet mit dem Organ und hört dabei nicht auf zu sein. Sie wirkt unsichtbar weiter.
Das ist der vierte Grad der Formwahrnehmung: die Verwandlung ins andere.
Die Hand ist normalerweise leer. Ihr Leersein ist ihr Vermögen. Sie ist ganz angelegt auf Greifen, Halten, Handeln, Nehmen und Geben und sie ist erfüllt von Handlungswissen, während sie selbst leer ist. Sie verschenkt sich ans Handeln und Leiden, wie man es beim Kreuzweg Jesu Christi sehen kann.

© Text und Repros:  Dr.Conrad-Peter Joist

I.Fußfall - Jesus wird verurteilt
II. Fußfall - Jesus wird mit Dornen gekrönt
III. Fußfall - Jesus nimmt das Kreuz
IV. Fußfall - Jesus begegnet seiner Mutter
V. Fußfall - Jesus fällt unter dem Kreuz
VI. Fußfall - Jesus stirbt am Kreuz
VII. Fußfall - Jesus im Schoß seiner Mutter